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EINE NEUE URNE ENTSTEHT

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DIE LETZTE HERBERGE

November 11, 2017

 

 

Da ich beruflich mit Angehörigen von Verstorbenen zu tun hatte, schien es mir unangemessen, so wenig über das Sterben zu wissen. Wenn Angehörige sterben oder geliebte Tiere, dann bin ich persönlich so erfasst, dass ich außerhalb von mir selbst nichts mehr wahrnehmen kann –wie unter einer Glocke. Aber wie ist es, einem Menschen zur Seite zu stehen, dessen Tod man neutral gegenüber steht, dessen Tod einen nicht emotional in ein Loch reißt?

 

Also beschloss ich ein Praktikum in einem Hospiz zu machen. Als ich hocherfreut die Zusage für ein 3 wöchiges Praktikum erhielt, erlosch diese Freude quasi postwendend mit dem Auflegen des Hörers. Bist du wahnsinnig geworden, durchfuhr es mich!? Jetzt bekam ich doch Angst. Was, wenn ich dem nicht gewachsen sein sollte, den Menschen eine zusätzliche Last würde oder gar weinen müße? Ich sollte doch stark sein, sie unterstützen und es wäre doch recht egoistisch so umprofessionell an das Ganze heran zu gehen. Aber jetzt zu kneifen, dafür war es zu spät. 

 

Nüchtern betrachtet war es ganz klar und leicht sterbenskranken und fremden Menschen, die Windeln zu wechseln und sie so zu versorgen, dass es ihnen nicht unangenehm sein mußte. Doch dies konnte ich nur, indem ich ihnen ganz unvermittelt und ohne irgendwelche Konzepte gegenüber trat.

Zuerst habe ich gedacht, dass ich ihr Schicksal nicht zu nah an mich heran lassen dürfe. Doch dieser ganze gedankliche Mist löste sich bei der Arbeit einfach auf. Ich war ich selbst mit dem Fokus auf die Person, die meiner Hilfe bedurfte. 

 

Menschen, die im Sterben liegen durchlaufen oft verschieden Phasen, die unter dem 5 Phasenmodell nach Elisabeth Kübler-Ross bekannt wurden. Eine davon ist die Wut und die Verzweiflung. Dann macht das Brot, auf welches man sich gefreut hat und das dann nicht so schmeckt, wie man es erwartet hat, einen wütend. Es macht einen wütend, dass man klingelt und nicht sofort jemand in der Türe steht und es macht einen einfach wütend, weil es nicht so sein kann, wie es doch ist und man absoluten Kontrollverlust aushalten muß. 

 

Ich glaube nur kleine Kinder und sterbende Menschen konfrontieren einen so extrem mit seinem eigenen Schatten. Ich habe wertvolle Erfahrungen und überraschende Entdeckungen machen dürfen und bin dafür sehr dankbar. Es ist schön zu wissen, dass es auch in solchen extremen Situationen des Lebens immer Schenken und Empfangen auf beiden Seiten gibt.

 

Das Sterben unterschied sich von Person zu Person oft sehr grundlegend. Man sagt, man stirbt wie man gelebt hat. Da ich das Leben der Menschen nicht kannte, kann ich das weder bestätigen noch widerlegen.

 

Zwei Personen haben mich aber tiefgreifend beeindruckt. Eine Frau, die sehr bunt und lebenslustig war, aber zugleich genau wußte was sie wollte und da auch keine Kompromisse stehen ließ. Sie hat in ihren zwei Wochen im Hospiz eine Salsa-Gruppe mitgebracht, die auf der Terrasse herumgewirbelt ist, dass es wackelte. Sie hat jeden Abend bei einem guten Glas Wein mit Freunden zu Abend gegessen und ist immer im Rollstuhl eingeschlafen vor Angst, dass sie im Bett der Tod erwischen könnte.

Nach zwei Wochen war sie aufgedunsen, ihr Körper konnte nicht mehr und die Hospiz-Schwester sagte ihr, in einem bestimmenden und zugleich liebevollen Ton, dass es nun an der Zeit wäre zu duschen und sich ins Bett zu legen, ihr Köper würde das nicht mehr mitmachen.

Sie sah uns mit großen Augen an und nickte. An diesem Abend hat sie geduscht und sich im Hospiz zum ersten mal in ihr Bett gelegt. In der Nacht ist sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht gestorben und alles was mir dazu einviel war: Chapeau!

 

Die andere Person, von der ich erzählen will, tigerte schon den halben Tag von einem Bettende zum Anderen und war sehr unruhig. Eine Schwester, die ich darauf ansprach antwortete, dass diese Person heute noch sterben würde. Ich war verwundert, sie machte keinesfalls den Eindruck heute zu sterben. Doch ich hatte schon erfahren, dass die Pfleger und Pflegerinnen einen sehr guten Draht zum Herrgott zu haben schienen, denn sie lagen nie falsch.

Auf die Frage, warum diese Person denn so unsäglich unruhig wäre, da doch die Meisten zu diesem Zeitpunkt ihren Frieden bereits mit dem Diesseits geschlossen hätten, antwortete man mir, dass die Person einen Menschen ermordet hatte und nun die Angst ihn so umtrieb. Außerdem könne er sich selbst nicht verzeihen und dass würde seine ausweglose Situation noch verschlimmern.

 

Die Schwester sprach bestimmt 3 Stunden mit ihm und als sie ihm sagte, dass sie ihm verzeihen würde und daran glaube, dass wenn man seine Sünden bereue, es auch einen Neuanfang geben würde, starb der Mann. Sein Gesichtsausdruck war gequält und die Anwesenheit seiner Seele schon nach kurzer Zeit nicht mehr spürbar. Wir haben für ihn gebetet und es war ein trauriger und sehr berührender Moment, der mich mit sehr durchmischten Gefühlen zurückließ.

 

Die Arbeit im Hospiz ist keine Leichte und ich bewundere die Menschen, die dort tagtäglich auf so herzliche, menschliche und selbstverständliche Art und Weise Sterbende auf ihrem letzten Weg begleiten. Jede Berührungsangst, die ich zuvor hatte war wie weggewischt. Sobald ich meinem Gegenüber mit dem Herzen begegnete, war jede Barriere überwunden und es gab auch keinen Ekel vor Exkrementen oder Erbrochenem.

 

Es war eine große Lektion in Demut und Dienen. Ich bin beschenkt und mit dem Gefühl

gegangen, dass das Sterben der Gegenpol zur Geburt ist und auch etwas Schönes haben kann, etwas Versöhnliches. Die Personen, die dort bei Bewusstsein gegangen sind, taten dies überwiegend sehr friedlich und im Einklang mit sich selbst. 

 

So ist in jedem Dunkel wohl etwas lichtes und in jedem Lichten etwas dunkles. Doch scheint es unvorhersehbar was sich uns wann zeigt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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